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Ein Interview mit Bestsellerautorin Nicola Schmidt – über Erziehung, Artgerechtigkeit und Augenhöhe

von Racha
Nicola Schmidt ist zweifache Mutter, Bestseller-Autorin, Diplom-Politologin, Wissenschaftsjournalistin, ausgebildeter Coach, sowie Gründerin und Geschäftsführerin des artgerecht-Projektes. Sie ist Mitglied der World Association for Infant Mental Health (WAIMH), sowie der Initative Babyfreundlich.org und arbeitet als Referentin für große Firmen, sowie für den Kinderschutzbund und die Frühen Hilfen. Sie recherchiert, schreibt und lehrt seit 2008, was „artgerecht“ für menschliche Babys und Kleinkinder ist. Sie konzipiert und leitet Camps, sowie die Aus- und Fortbildung des Artgerecht Projektes. Am 4. März hast du die Möglichkeit, ihren Workshop und/oder Vortrag in der Nähe von Zürich zu besuchen.
„Wenn ich gestresst bin, ist das Kind gestresst. Wenn ich entspannt bin, ist das Kind entspannt. Es liegt ganz simpel daran, dass unsere Kinder mit ihren Spiegelneuronen auf uns reagieren. Das bedeutet, unsere Kinder spiegeln unseren inneren Zustand.“
Tickets und mehr Infos zum Event findest du hier: 
Vortrag / «Weniger Stress im Alltag mit Kindern – Tipps und Tricks für den ganz normalen Wahnsinn»
Workshop  / «Geschwister als Team – Ideen für eine starken»

Wir durften ein spannendes Interview mit Nicola führen, und haben ein paar super spannende Antworten für euch bereit:

RACHA: In unserer Community unterhalten wir uns tagtäglich zum Thema Erziehung. Man versucht vorsichtshalber immer so neutral wie möglich zu sein, so nach dem Motto, „es gibt kein Richtig und kein Falsch“. Was sagst du zu dieser Aussage?

NICOLA: Es gibt in der Tat in der Erziehung ganz pauschal vielleicht kein Richtig und kein Falsch, denn die Frage wie wir Kinder erziehen ist natürlich immer davon getrieben, welche Erziehungsziele wir verfolgen. Das heisst, wenn mein Ziel ein gehorsames, stilles und funktionierendes Kind ist, finde ich ganz andere Dinge richtig, als wenn mein Ziel, ein starkes, wildes, selbstbestimmtes und kreatives Kind ist. Dennoch gibt es einige Dinge, die man auf gar keinen Fall machen darf, nämlich alles, was die Bindung schädigt und alles was die Stresssysteme der Kinder zu stark triggert, wie zum Beispiel kontrolliert Schreien lassen oder das Weggeben von sehr, sehr kleinen Kinder über sehr lange Zeiträume. Diese Dinge sind per se, wenn man davon ausgeht, dass man rein körperlich gesunde Kinder aufziehen will, falsch. Ansonsten gibt es unglaublich viele Möglichkeiten und das Beispiel was hier genannt wurde oder was oft genannt wird «Brust oder Flasche» oder in die «Betreuung oder nicht», das lässt sich so pauschal überhaupt nicht beantworten. Insofern würde ich sagen: ja, es gibt viele Dinge, da kann man kein Richtig und kein Falsch sagen und doch es gibt bestimmte Dinge, die schädigen die Kinder und alles was mental oder körperlich schädigt, würde ich durchaus als falsch benennen.

 

RACHA: Was mir bei meinem eigenen Kind immer wieder aufgefallen ist, ist dass sich mein Kind meist meiner Energie und meinem Gedankenfeld anpasst. Sprich wenn ich gestresst war, hat mich mein Sohnemann gestresst, war ich entspannt, war er entspannt. Meistens zumindest… Wie siehst du das Thema «Spannungsfeld» im gemeinsamen Zuhause?

NICOLA: Also, das ist völlig genauso wie du’s auch gesagt hast. Wenn ich gestresst bin, ist das Kind gestresst. Wenn ich entspannt bin, ist das Kind entspannt. Es liegt simpel daran, dass unsere Kinder auf uns mit ihren Spiegelneuronen reagieren. Das bedeutet, unsere Kinder spiegeln unseren inneren Zustand. Das ist zum Überleben total klug dafür zu sorgen, dass ich das was meine Bindungsperson gerade fühlt, auch fühle, denn dann weiss ich wann ich in Gefahr bin und dann weiss ich wann ich in Sicherheit bin. Hat aber bei uns den Nachteil, dass wir immer mal wieder in Situationen denken: «Mann, jetzt habe ich schon so einen schwierigen Tag, jetzt ist das Kind auch noch so schwierig. Muss das denn sein? Kann es nicht einfach funktionieren, wenn ich es brauche?» Und die Antwort lautet: Nein, die Kinder funktionieren natürlich nicht, wenn wir gestresst sind, weil die Kinder immer genau das spiegeln, was wir in unserem Inneren haben. Und ich finde das oft sehr hilfreich, weil ich lange Jahre meines Lebens gar nicht gemerkt habe wie oft und schnell ich gestresst bin. Und dadurch, dass die Kinder mir das immer zurückgespiegelt haben, bin ich erst darauf aufmerksam geworden, wie wahnsinnig stressig unser Alltag eigentlich war.

 

RACHA: Scheitern wir nicht als Eltern oft an den eigenen Erwartungen oder an der Erwartung der Gesellschaft? Wir haben manchmal schon eine besondere Vorstellung davon wie unsere Kinder erzogen werden und sich verhalten „sollten“, ist das nicht auch eine Illusion?

NICOLA: Ja, ich würde sagen, diese Fragen muss jeder für sich beantworten. Aber natürlich, wenn wir hohe Erwartungen haben, dann scheitern wir oft daran und die Erwartungen der Gesellschaft sind natürlich brutal. Also es ist ganz klar so, dass man von uns erwartet… Da gab es letztens dieses schöne Zitat von unserer Familienministerin, die gesagt hat: «Wenn ich versuche 100% Mutter zu sein und 100% gute Arbeiterin, Angestellte, Selbstständige zu sein und 100% Partnerin zu sein, dann bin ich genau 300% total überfordert.» Und das ist eigentlich auch nicht möglich. Es ist oft so, dass wir von Erwartungen getriggert sind, die unrealistisch sind und wir haben oft auch Erwartungen an unsere Kinder, die unrealistisch sind. Deswegen bitte ich immer alle Eltern zu bedenken, dass Kinder zwischen sechs und zehn eigentlich erst in der Lage sind wirklich empathisch zu reagieren und wirklich ihre Impulse zu kontrollieren und sich moralisch sinnvoll zu verhalten. Bis das menschliche Gehirn ausgewachsen ist dauert es, bis wir zwanzig sind und das ist ziemlich lang. Genauso lange brauchen wir auch, bis unsere Kinder so sind, wie wir sie haben wollen. Oft verlangen wir das aber schon mit drei oder vier Jahren.

 

RACHA: Was wir immer wieder hören ist «Mit dem Kind auf Augenhöhe». Das klingt schön, aber ist es nicht auch so, dass sie als Kleinkinder auch einfach lernen müssen, sich in unserer Gesellschaft zu bewegen und anzupassen, damit sie es dann im Kindergarten und in der Schule leichter haben?

NICOLA: Zu diesem Thema habe ich in meiner Facebookgruppe «Erziehen ohne Schimpfen» gerade ein Video reingestellt, weil ich genau der anderen Ansicht bin und völlig andere Erfahrungen gemacht habe. Mit dem Kind auf Augenhöhe sein hilft auf jeden Fall. Egal, ob das im Kindergarten oder Schule völlig anders funktioniert. Denn, nur weil da draussen jemand mein Kind nicht gleichwürdig behandelt, ist es ja kein Grund, dass ich das Kind nicht gleichwürdig behandle. Nur weil es in der Schule schlechtes Essen gibt, kochen wir zu Hause auch schlechtes Essen. Sondern wir kochen zu Hause gutes Essen und niemand sagt «Mein Gott, dass Kind soll sich gar nicht erst an das gute Essen gewöhnen. Man sollte auch zu Hause nur Pommes kochen, wenn es in der Schule nur Pommes gibt.» Genauso ist es mit den Gefühlen der Kinder. Wenn es einen Ort gibt, wo die Kinder stark sein können, wo die Kinder lernen Konflikte zu lösen und nicht autoritär beendet zu kriegen. Wenn es einen Ort gibt, wo die Kinder sich sicher fühlen, wo die Kinder sich gehört fühlen, dann lernen sie etwas fürs Leben. Das ist absolut unverhandelbar und die Erfahrung zeigt auch, dass diese Kinder, die – ich sag Mal artgerecht – oder gleichwürdig aufwachsen, sich draussen in der Gesellschaft erstaunlicherweise besser in zurechtfinden als die ganzen Kinder, die auch zu Hause ein autoritäres System haben. Das heisst, wir brauchen diese Kinder. Wir brauchen diese Kinder auch, um diese Welt zu verändern. Denn wenn wir schon sagen «Naja, die Kinder sollen gut funktionieren in dem System, das wir jetzt haben» heisst das ja, wir wollen die Systeme, wie wir sie jetzt haben, weiter bestehen haben. Jeder von uns weiss, wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, dass unser Planet nämlich bewohnbar bleibt, dann darf nichts so bleiben wie es ist. Deswegen brauchen wir Kinder, mit denen auf Augenhöhe kommuniziert wurde, damit wir neue Wege gehen können.

 

RACHA: Laisse Faire oder gerne auch «Erziehen» – was sagst du?

NICOLA: Wir wissen aus der Forschung, dass Laisse Faire – also wir lassen die Kinder einfach alles machen – für die Kinder massiv schädlich ist. Ich bin selbst erstaunt gewesen, als ich festgestellt habe, dass man in Studien zeigen kann, dass Laisse Faire für die Kinder noch schädlicher ist als eine autoritäre Erziehung. Ich war ziemlich schockiert, aber es macht Sinn, wenn man sieht, dass Laisse Faire ja nah an der Vernachlässigung ist. Erziehen der Kinder ist immer dann schlecht, wenn es die Kinder manipuliert. Wenn es versucht die Persönlichkeiten der Kinder zu stutzen und ihre Flügel zu stutzen. Sie so zu formen, dass sie in ein System passen und funktionieren. Der Mittelweg, den wir bei Artgerecht gehen ist, dass wir sagen, die Kinder müssen soziale Regeln lernen und gleichzeitig haben sie ein Recht darauf, dass ihre Meinung und ihre Bedürfnisse beachtet werden. Jetzt mal ehrlich, das ist ja das, was wir mit uns Erwachsenen auch tun. Ich möchte auch dass meine Bedürfnisse geachtet werden und trotzdem schmeiss ich auf der Strasse nicht meine Mülltonne um oder so. Das heisst, wir bringen Kindern Stück für Stück bei, dass es einen gesunden Mittelweg gibt, der sagt «Du bist Teil einer Gemeinschaft, deswegen hältst du dich an die grundsätzlichen Regeln der Gemeinschaft und du bist ein Individuum und deswegen werden wir auch immer schauen, dass es in dieser Gemeinschaft auch dir gut geht». 

 

RACHA: Man kann sagen, man sollte als Eltern die Kinder ins Leben «begleiten» oder man kann sie «führen». Ab welchem Alter muss oder soll man denn was genau machen? Gibt es da nicht auch altersbedingte Aspekte, welche man beachten muss? Gerade das Thema schimpfen, das verstehen ja gerade die Kleinsten gar nicht. 

NICOLA: Es ist völlig klar, dass wir einen 3-jährigen anders behandeln als einen 6-jährigen, anders als einen 12-jährigen. So, was bedeutet das? In den ersten ein bis zwei Jahren geht es in erster Linie darum, die Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen, weil sie körperliche Grundbedürfnisse haben. Ihre Schwangerschaft nachholen und reifen müssen… Da müssen wir überhaupt nicht mit erziehen anfangen. Danach geht es darum, Kindern Stück für Stück Empathie und soziale Regeln beizubringen. Das heisst, ab so eineinhalb bis zwei Jahren fangen wir an zu erklären «Kuck mal, jetzt weint jemand.» oder «Kuck mal, der freut sich.» oder «Kuck mal, jetzt hast du die Katze gestreichelt, das findet sie toll.» Wir fangen Stück für Stück an Empathie und soziale Regeln zu trainieren, die so viel heissen wie, das Kind bekommt etwas und nicht «Jetzt sag danke!» sondern wir sagen «danke» und leben die soziale Regel vor. Das machen wir eigentlich, bis die Kinder sechs sind. Es gibt diesen schönen Satz «Was muss ein Kind lernen, bis es sechs Jahre alt ist.?» Es muss lernen «ICH BIN GUT!». Mehr nicht. Das bedeutet, wir machen dieses Training von Empathie und sozialen Regeln und auch Frustrationstoleranz bis sie sechs sind. Dann zwischen sechs und zehn setzt ein Prozess ein, der heisst, dass wir von den Kindern langsam erwarten können, dass sie selbst in der Lage sind moralisch zu handeln. Dass sie selbst in der Lage sind, soziale Regeln einzuhalten. Und dann gibt es auch schüchterne Kinder, die auch mit sechs noch niemandem die Hand geben und bitte und danke sagen wollen. Dann geben wir die Hand und sagen «Das lernt das Kind noch.», kucken unser Kind an und sagen freundlich «Danke für das Bonbon» und dann lernt das Kind das auch. Und es gibt Kinder, die mit fünf schon überall hingehen und sagen: «Hallo! Ich bin Emma, das ist aber nett, dass Sie uns besuchen, wollen Sie etwas zu trinken?» Solche Kids habe ich. Aber das hat überhaupt nichts mit der Erziehung zu tun, sondern mit dem Temperament der Kinder. Wir müssen klar altersbedingte Aspekte beachten und aus meiner Sicht müssen wir immer die Aspekte beachten, wie weit funktioniert das Gehirn der Kinder schon? Es hat keinen Sinn, mit einem dreijährigen darüber zu diskutieren, dass die Schaufel Peter gehört und dass er sie jetzt artig zurückgeben soll, und ihm zu drohen, «Wenn du das jetzt nicht machst, dann gibt es heute Abend keinen Nachtisch.» oder was auch immer… Wenn der müde und hungrig ist, dann hat er quasi kein Grosshirn, mit dem er denken kann. Der präfrontale Cortex ist nicht ausgebildet genug und die Steuerung des ganzen Stresses und limbischen Systems des ganzen Belohnungs- und «ich will haben»-Systems funktioniert noch nicht gut genug. Deswegen heisst das für mich, altersbedingte Aspekte zu beachten und es den Kindern hilft, wenn sie klein sind und ihr Gehirn noch nicht so stabil funktioniert, wenn wir ihnen entgegen kommen und wir mit ihnen zusammen den Stress abauen. Zu sagen: «Ich sehe dich. Ich höre dich mein Schatz. Wir geben jetzt diese Schaufel zurück. Ich sehe, dass es für dich schwer ist. Ich tröste dich. Wir schaffen das gemeinsam.» Während ich bei einem sieben oder achtjährigen sagen würde: «Wir müssen jetzt gehen. Ich erwarte, dass du jetzt die Schaufel zurückgibst, weil du weisst, dass es seine Schaufel ist.» Dann erwarte ich, dass es funktioniert. Das heisst, wir passen uns natürlich an das Alter der Kinder an. Aber ich denke anders als andere Leute das Verstehen, dass es heisst: «Ja, aber da muss man doch mal durchgreifen.», eher in die Richtung: Denkt doch mal daran, welche Gehirnentwicklungsstufe eure Kinder haben und was sie in dieser Stufe wirklich schon leisten können.  

 

RACHA: Du hast ein Buch geschrieben, mit dem Titel «Erziehen ohne Schimpfen». Als Mutter, Hand aufs Herz, passiert dir das nicht auch ab und an?

NICOLA: Das kommt darauf an, wie man Schimpfen definiert. Wenn man sagt, jedes Mal, wenn ich sage: «Leute, es ist mir zu laut! Ich will, dass ihr aufhört durch die Wohnung zu toben.» Wenn das Schimpfen ist, dann Schimpfe ich auch. Wenn Schimpfen aber das ist, wie ich es im Buch definiere, nämlich das Bedrohen eines Kindes, das Einengen eines Kindes, das von oben herab herabsetzen, demütigen eines Kindes, das Bestrafen eines Kindes, also: «Wenn du jetzt nicht sofort still bist, dann gehen alle deine Freunde nach Hause und ich sage dir, die nächste Woche gibt es hier keinen Besuch!», das wäre für mich geschimpft. Das heisst, ja bei uns zu Hause gibt es auch eine Mutter, die hin und wieder ganz schön durch die Wohnung tobt. Also selten ehrlich gesagt, aber natürlich alle paar Monate passiert es auch, dass ich sage: «Es ist mir zu viel, ich will das nicht!». Aber das ist etwas völlig anderes und meine Kinder wissen, dass sie sicher sind. Sie werden nicht verletzt und sie werden nicht gedemütigt. Das passiert bei uns in der Tat nicht und das finde ich eine wichtige Unterscheidung. Nicht Schimpfen heisst nicht, dass ich ständig sage: «Ach, das finde ich aber toll, dass ihr zu fünft auf dem Sofa rum hüpft.», sondern das heisst einfach nur, dass ich die Kinder nicht bedrohe, nicht demütige, nicht ängstige, sondern dass ich meine Grenze setze und sage: «Ihr drei, ich sehe, dass ihr Spass habt, ich möchte es nicht, alle Mann runter vom Sofa, ihr könnt draussen auf dem Trampolin hüpfen.»

 

RACHA: Wie wichtig ist es, dass man als Eltern am gleichen Strang zieht? Ist es tatsächlich wichtig, dass beide immer das gleiche sagen und die gleiche «Strategie» fahren oder gilt auch zuhause, ein ganzes Dorf erzieht ein Kind? Während (meist) die Mutter etwas strenger ist, ist der Papa etwas lockerer, wie wirkt sich das erfahrungsgemäss aufs Kind aus?

NICOLA: Also grundsätzlich ist es so, dass oft einer etwas strenger ist und einer etwas lockerer. Es ist gar nicht so, dass es immer die Mütter oder immer die Väter sind. Was wir als Struktur sehen ist, eher in Stresssituationen, dass Mütter in Stresssituationen eher länger so «Jesper Juulen» und sagen: «Ja, möchtest du das… möchtest du so…» und wenn sie dann richtig sauer sind, dann: «Jetzt reichts! Jetzt wird gemacht, was ich sage!» Während Väter eher so sind: «Es wird so, es wird so, ich sage, es wird so, es wird so gemacht.» und unter Stress dann sagen «Ach, macht doch, was ihr wollt!». Oft ist es so, dass der Vater zum Beispiel sagt: «Ach komm, das mit dem Tablet muss man jetzt nicht so eng sehen.» und die Mutter da eher etwas streng ist. Oder was Ernährung angeht… grundsätzlich ist es so, dass Kinder sich gut in verschiedene Systeme einfügen können. Die wissen genau, dass sie bei Oma Dinge dürfen, die sie bei Mama und Papa nicht dürfen. Es darf nur nicht zu weit auseinander gehen. Und keiner von Beiden darf das Kind mit seiner Ansicht von Erziehung verletzten. Solange das gewährleistet ist, kann der Papa ruhig sagen: «Ach, bei mir kannst du anderthalb Stunden Tablet spielen und bei Mama sind es halt nur 30 Minuten.» Oder «Bei mir kriegst du halt, wenn wir unterwegs sind, die Pommes und bei Mama kriegst du den Fruchtriegel». Wichtig ist, dass keiner von Beiden das Kind verletzt. Also, wenn der Papa das Kind regelmässig in die dunkle Besenkammer einsperrt, was hoffentlich heutzutage keiner mehr tut, dann haben wir natürlich ein Problem, wenn sie nicht an der Stelle am gleichen Strang ziehen. Aber solange alles für die Kinder ohne Verletzung abläuft, gibt es da keine grossen Probleme.

 

RACHA: Welches ist deines Erachtens die wichtigsten Aspekte der Erziehung?

NICOLA: Das ist natürlich eine grosse Frage. Wenn ich das jetzt hier in einem Interview und nicht in einem 300 Seiten Buch beantworten sollte, dann würde ich sagen: «Der wichtige Aspekt ist Liebe!» Ganz simpel. Und zwar Liebe zu meinem Kind, Liebe zu meinem Partner und mir selbst. Wenn ich in der Lage bin diese drei Personen, mich, den Partner, mit dem ich zusammenlebe oder die Partnerin und das Kind zu lieben, dann bin ich auch in der Lage alle diese Menschen zu achten. Alle diese Bedürfnisse zu sehen und alle diese Bedürfnisse auszugleichen. Und wenn diese Grundlage da ist, wenn ich mich also weder für den Einen noch für den Anderen aufreibe oder den Ein oder anderen ignoriere, dann sind wir in der Regel immer auf einem sehr guten Weg. Denn dann ist die Bindung gewahrt und Bindung ist immer einer der wichtigsten Punkte.

 

RACHA: Nachhaltigkeit in punkto Umwelt ist in aller Munde. Ist nicht insbesondere Erziehung auch ein Nachhaltigkeits-Thema, weil man da ja schon so viel richtig machen kann, resp. Verhindern kann, dass später so richtig viel falsch läuft?

NICOLA: Ja natürlich. Das ist total wichtig und mein ganzes nächstes Buch, das ich gerade schreibe, wird sich darum drehen, dass wir in der Erziehung auf ganz viele Dinge achten können. Auf ganz viele Dinge, die manche Leute gar nicht mit Nachhaltigkeit verbinden, die aber wichtig sind, dass wir jetzt ganz viel richtig machen bei unseren kleinen Kindern. Damit sie später die Menschen sein können, die dieser Planet braucht. Ich glaube ganz stark daran und ich sehe es auch immer wieder in meinen anderen Büchern, oder wenn man mit Forschern spricht, dass diese ganze Kultur des Hyperkonsums, dieses «sich selbst entschädigen» für die Bullshit-Jobs, die wir machen, mit Konsumgelegenheiten, dass das alles nicht notwendig wäre, wenn wir besser unsere kindlichen Bedürfnisse erfüllt bekommen hätten. Weil wir dann nämlich unsere Leere in uns selbst nicht mit grossen Autos und Kreuzfahrten, Uhren und weiss der Geier was füllen müssten, sondern dann würden wir viel mehr loslassen können und sagen: «Was? Nein danke, brauche ich alles nicht!» Und wenn wir starke Kinder erziehen, werden wir eine Generation heran ziehen, die sagen, sie finden es cool, wenn Leute wenig Ressourcen brauchen, wenig fliegen, keine grossen Autos brauchen, weniger arbeiten und weniger gestresst sind, während wir noch in der Kultur leben, wo wir Vielflieger, irgendwelche Boni, Businesslounge-Zutritte zugedenken, obwohl das ja die Leute sind, die den höchsten Umweltverbrauch haben. Wie kann es sein, dass dann eine Gesellschaft diese Leute so anhimmelt? Das kann sich alles mit Erziehung ändern und ich denke, wir sind auch auf gutem Wege.

 

RACHA: Und wenn du uns nun eine kurzgefasste Erklärung dazu geben würdest, wie das geht, wie würde diese lauten? Was ist die Quintessenz?

NICOLA: Ich habe einiges gerade schon gesagt. Somit wäre die Quintessenz: Erfüllt die Bedürfnisse eurer Kinder. Auch die Bedürfnisse nach Grenzen, sozialen Regeln und Halt. Also, es geht nicht darum, dass Kinder immer alles kriegen sollen. Aber ich glaube, wenn wir die ganz tiefsten Bedürfnisse unserer Kinder erfüllen, auch das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach Zugehörigkeit, nach Aufgaben und nach Sinn, dann werden da Menschen nach draussen gehen, die auch im Kindergarten, in der Schule und später in Ausbildung und Arbeit nach Sinn fragen. Und nicht mehr bereit sein werden, ihr Leben damit zu verbringen für irgendwelche Managementpapers Powerpoint-Präsentationen aufzuhübschen. Sondern die sagen werden: «Hallooo? Ich will was sinnvolles tun!» und dieses «Hallo, ich will was Sinnvolles tun, ich habe es verdient, dass ich etwas Sinnvolles tun kann.» das Legen wir in den ersten Jahren der Erziehung an.

 

RACHA: Auch ein wichtiges Thema «Geschwister als Team». Auch zu diesem Thema gibt’s ein Buch von dir. Ein Thema, dass sehr viele betrifft und auch belastet – man sagt die Liebe einer Mutter halbiert sich dabei nicht, sondern vermehrt sich – wie können wir dieses Gefühl unseren Liebsten weitergeben? Insbesondere wenn das Geschwisterchen als Baby noch so viel Aufmerksamkeit braucht?

NICOLA: Naja, mein erster Tipp ist nicht so gerne gehört, aber leider immer noch wahr. Kriegt die Kinder nicht so eng aufeinander. Dieses Märchen, je enger die Kinder aufeinander sind, desto besser für alle ist totaler «Kokolores» und jede Familie findet das heraus. Ach, fragt mal die Leute, die drei Kinder haben, wie alt die Kinder sind, dann kriegt man meistens so Antworten wie: «Elf, zehn…» – also ein Jahr auseinander, weil man ihnen erzählt hat, das wäre eine total super Idee und dann stellen sie fest, dass war gar keine super Idee und das nächste Kind ist dann eher so sieben oder sechs, also drei oder vier Jahre danach. Drei Jahre ist der ideale Abstand. Das heisst, wenn ihr jetzt noch Planen könnt, dann bitte möglichst mindestens drei Jahre Abstand zwischen den Kindern. Das ist auch biologisch und physiologisch für den Körper der Mutter sehr viel besser, sonst kriegt das zweite Kind nur noch die Reste der Nährstoffe der Depots, die das Erste übriggelassen hat. Der Körper der Mutter braucht zwei Jahre, um sich von der Schwangerschaft zu erholen. Also, es macht überhaupt keinen Sinn. Wenn die Kinder sehr eng aufeinander sind, müssen wir uns Hilfe holen. Sonst kommt immer einer zu kurz mit seinen Bedürfnissen und dann entsteht natürlich das Gefühl von «nicht Genug». Nicht genug ist immer schlecht. Und wenn gar nichts hilft und gar nichts geht, ist es gut, wenn wir es zumindest aussprechen. Wenn es zumindest erlaubt ist, wenn das grosse Kind sagt: «Ich hasse dieses Baby!» und wir sagen: «Ja, ich verstehe das, weil im Moment kriegst du wirklich nicht das, was du brauchst.» Oder wenn wir sagen: «Hey, ich sehe, dass du mich gerade brauchst, aber das Baby schreit und ich muss es jetzt gerade Mal stillen, füttern, wickeln und dann komm ich sofort zu dir. Aber ich sehe, dass du mich jetzt brauchen würdest.» Dennoch ist es für Kinder unglaublich stressig, wenn sie vor dem dritten Lebensjahr Geschwisterchen kriegen und dann haben wir auch leider mehr Streit. Da wäre meine Empfehlung, bitte seht nicht die Kinder an und sagt: «Dieses vermeintlich grosse Kind mit seinen zweieinhalb Jahren ist so schrecklich und macht so viel Theater, seitdem das Baby da ist.», sondern schaut liebevoll auf eure Kinder und sagt: «Ja, du bist zweieinhalb. Du hast schon Geschwisterchen, das ist verdammt früh. Ich sehe deine Not.» Damit ist schon viel, viel, viel Liebe möglich gemacht und viel gerettet und geschützt.

 

Wir freuen uns riesig – am 4. März besucht uns Nicola Schmidt in der Schweiz in Hausen bei Brugg, in der Nähe von Zürich, und ihr habt die Chance, ihr live zuzuhören! Tickets sind auf Eventfrog über folgende Links erhältlich:

Vortrag / «Weniger Stress im Alltag mit Kindern – Tipps und Tricks für den ganz normalen Wahnsinn»

Workshop  / «Geschwister als Team – Ideen für eine starken»

Mehr zu Nicola Schmidt unter www.nicolaschmidt.de

 


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