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MEMBER SPOTLIGHT: Christine Huntemann – Mein fünftes ist ein Engelchen

von Racha

Racha: Ich möchte gern zu dem Zeitpunkt in deine Geschichte einsteigen, wo du dein fünftes Wunschkind Nina Lotta zur Welt gebracht hast. Was ist passiert? 

Chris: Unsere jüngste Tochter Nina Lotta musste in der 28. Woche per Not-Kaiserschnitt geholt werden, wegen einer drohenden Schwangerschaftsvergiftung. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits eine glückliche Mutter von vier Kindern, zweimal Zwillingen, die ebenfalls als Frühchen zur Welt gekommen sind, jedoch nicht SO früh! Wir hatten aber auch mit Nina erst mal großes Glück, und durften die kleine Maus bereits vor dem errechneten Geburtstermin mit nachhause nehmen. Sie wurde entlassen als „Vorzeigefrühchen der Station“ (gem. Ärztebericht) und das völlig gesund. Mit ihrer Heimkehr war die stressige Zeit, der Spagat zwischen dem Leben mit den Geschwistern daheim und demjenigen mit dem Baby im Krankenhaus, endlich vorbei und es war einfach nur noch schön. Wir waren komplett!  Nina wurde von allen heiss geliebt, umsorgt und in vollen Zügen genossen – als hätten wir geahnt, dass die Zeit mit ihr begrenzt ist. Mit nur vier Monaten ist sie innerhalb von fünf Tagen an einer Meningitis verstorben, völlig unerwartet und aus dem Nichts heraus. Es ist das Schlimmste, was einem passieren kann. 

Racha: Natürlich höre ich immer wieder von solch traurigen Schicksalen aber ganz ehrlich? Als Mutter kann ich mir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt. Das einzige was mir dazu einfällt ist das Wort Ohnmacht. Kannst du es beschreiben?

Chris: Nein. Ich habe diese Tage wie in Trance erlebt, als hätte ich von aussen eine andere Person beim Funktionieren beobachtet. An Vieles kann ich mich gar nicht mehr erinnern oder nur verschwommen – vielleicht, weil mein Unterbewusstsein dies auch gar nicht will…? Es ist wie ein Albtraum, aus dem du nicht erwachen darfst. Nina ist schlussendlich nachts in den Armen von meinem Mann gestorben – ich weiss bis heute nicht, wie er mit diesen Bildern und Erinnerungen umgehen kann.  Das Schlimmste für uns war aber, dass wir einfach so aus dem Krankenhaus entlassen wurden, niemand hat uns begleitet oder unterstützt. Am Anfang haben wir gedacht, wir schaffen es allein, mussten aber erkennen, dass das nicht geht und haben dann versucht, uns selbst Hilfe zu holen, u.a. auch in einer Selbsthilfegruppe (dieser Schuss ging gewaltig nach hinten los). Hilfe und Unterstützung habe ich schlussendlich erst gut ein Jahr später in der Schweiz gefunden. Wir haben zum Zeitpunkt von Ninas Tod nämlich noch in Deutschland gewohnt, aber das Weiterleben in dem Haus, wo sie ihr eigenes Zimmer hatte, wo ich sie ständig noch gehört habe und mich alles jeden Tag an sie erinnert hat, war für mich schlicht unmöglich, und da ich während all den Jahren im Ausland eh immer Heimweh nach Bern gehabt hatte, sind wir zurück in meine Heimat gezogen. Dort hat mein Körper wohl alles erst einmal verarbeiten müssen, jedenfalls war ich ständig wegen Irgendwas im Inselspital, wo zum Glück erkannt wurde, dass alle Beschwerden psychischer Natur waren, und mir schliesslich Anna Margareta Neff, Hebamme und Leiterin von kindsverlust.ch, vermittelt wurde. Sie hat mich sozusagen gerettet. Leider sogar zweimal… Ich durfte nach Nina nämlich noch einmal schwanger werden, hatte aber in der 21. Woche einen ganz schlimmen Abort, bei dem ich selbst um ein Haar gestorben wäre und bei dem mir die Gebärmutter entfernt werden musste. Es ist alles so unfassbar traurig. 

Racha: Ich ziehe meinen Hut vor dir, dafür dass du so offen über deine Gefühle sprichst und schreibst. Soviele Mütter und Väter teilen eine solche Erfahrung aber die Gesellschaft tendiert dazu, dies nicht immer so willkommen zu heissen. Hast du das auch so erlebt? 

Chris: Ja, leider musste ich diese Erfahrung ebenfalls machen, gerade auch in der eigenen Familie. Mir als Frau (obwohl ich mich seit dem Verlust meiner Gebärmutter oft gar nicht mehr als solche fühle…) hilft es, wenn ich offen über meine Gefühle reden darf – leider ist das Umfeld aber oft damit überfordert.  Gegenüber meiner eigenen Mutter darf ich das Thema zum Beispiel überhaupt gar nicht mehr ansprechen. Dies hat sie mir deutlich zu verstehen gegeben. Ich mache nämlich jedes Jahr einen Familienkalender mit Fotos der Kinder und natürlich habe ich auch meine jüngste Tochter bisher mit einbezogen! Meine Mutter hat mir nun letzte Weihnachten klar und deutlich gesagt, dass sie Fotos von Nina nicht mehr sehen will. Das tut so weh. So unendlich fest weh. Schließlich gibt es für mich als Mutter nichts Schlimmeres als so zu tun, als ob das Kind nie gelebt, nie existiert hätte.

Racha: Hattest du durch diesen Druck aus deinem Umfeld, sowie generell der Gesellschaft und Familienmanagement überhaupt Zeit zum richtigen Trauern? Darf man das in der schnelllebigen Zeit überhaupt noch? 

Chris: Die Trauer ist wie ein Ozean, sie kommt und geht in Wellen und man muss immer aufpassen, nicht darin zu ertrinken, sondern obenauf zu schwimmen und das Land vor sich zu sehen. Ich habe zum Glück noch gesunde Geschwisterkinder, Aufgeben war somit nie eine Option, ich hatte gar keine Alternative, als weiter zu machen, stark zu sein und nach vorne zu schauen und auf eine Art auch wieder glücklich zu werden. Das bin ich den Kids schuldig, sie haben schon genug mitgemacht und miterlebt in ihren jungen Jahren.  Allerdings geht das nicht von heute auf morgen, es ist ein langer Prozess und jede(r) muss für sich Wege und Mittel finden, mit so einem Schicksal umzugehen. Leider hat die Beziehung zu meinem Mann darunter erheblich gelitten, denn Männer und Frauen trauern in meinen Augen völlig anders und oft sind wir wie Planeten, die nur noch umeinander kreisen.

Racha: Was hat dir in dieser Zeit am meisten geholfen? 

Chris: Das darüber-reden-dürfen, zwar leider nicht in der Familie, aber zum Glück mit Freundinnen und Freunden und eben meiner Trauerbegleitung, Anna Margareta Neff.  In so einer Situation merkst du, wer wirklich hinter dir steht. Ich habe das große Glück, langjährige Freunde zu haben, mit denen ich quasi groß geworden bin, und die immer für mich da sind, auch wenn wir über viele Jahre weit weg voneinander gewohnt haben. 

Racha: Hat dir eventuell auch deine eigene Spiritualität dabei geholfen? Was praktizierst du in diesem Bereich für dein Seelenwohl? 

Chris: Ehrlich gesagt: nein. Ich war nie besonders gläubig oder spirituelle unterwegs. Im Gegensatz zu meinem Mann übrigens, der Katholisch erzogen wurde und dies auch gegen aussen gelebt hatte, zum Beispiel mit regelmäßigen Gottesdienst-Besuchen oder Gebeten. Er scheint diesen Glauben nach diesen Schicksalsschlägen aber irgendwie verloren zu haben. 

Racha: Wir haben gemeinsam über den Tod gesprochen. Ein Thema vor dem ich zum Beispiel absolut keine Angst habe. Ich hatte eine Zeit lang mehr Angst vor der Phase hier, auf der Erde. Wie stellst du dir den Tod heute vor? 

Chris: Mittlerweile als Erlösung. Ich glaube, dass nichts so hart sein kann, wie das Leben selbst, mit all seinen Schicksalsschlägen, Krankheiten und leider auch gewissen Mitmenschen. 

Racha: Was hat die direkte Konfrontation mit dem Tod mit dir gemacht?

Chris: Ich sehe viele Dinge anders als früher, meine Prioritäten haben sich komplett verschoben. Ich versuche jeden Tag zu genießen, im Moment zu leben, denn ich weiß, dass von einer Sekunde auf die andere plötzlich alles vorbei und anders sein kann. Das einzige, was für mich zählt, ist, dass meine Kinder gesund bleiben und glücklich sind und ich ihnen beim Aufwachsen zusehen darf. Ich habe mir über den Tod, das Danach, früher ehrlich gesagt nie gross Gedanken gemacht und hatte auch mit so esoterischem oder übersinnlichem Kram rein gar nichts am Hut, aber seit Ninas Tod weiss ich mit Bestimmtheit, dass es nicht von jetzt auf sofort vorbei ist, sie hat sich nämlich sowohl bei mir als auch bei meinem Mann in der Nacht ihres Todes und ein paar Wochen danach noch einmal bei uns verabschiedet…

Racha: In wie fern ist dein Sternenkind Nina Teil von eurer Familie? Habt ihr Rituale die ihr gemeinsam pflegt, um die ewige Liebe, die über den Tod hinaus, zu zelebrieren? 

Chris: Ja, Wir feiern jedes Jahr Ninas Geburtstag und lassen sowohl an diesem Tag wie auch an ihrem Todestag einen hübschen Folien-Ballon mit einem Foto von uns allen oder zumindest den Geschwistern drauf in den Himmel, zu ihr, steigen. Ich gebe mir immer sehr Mühe, diese Tage fröhlich und bunt zu gestalten, mit Kuchen und kleinen Überraschungen. Diese Tage sollen die Geschwister nicht belasten, sondern ihnen Freude machen, damit sie sich gerne an ihre kleine Schwester erinnern und Nina immer ein Teil unserer Familie bleibt. 

Racha: Hat dich diese Erfahrung als Mensch und Mutter verändert? Wenn ja, inwiefern? 

Chris: Als Mutter bin ich viel ängstlicher geworden als früher. Loslassen fällt mir noch immer schwer. Leider habe ich meine Unbeschwertheit und auch mein Vertrauen in das Leben verloren, möchte alles am liebsten immer selber organisieren und kontrollieren. Trotzdem versuche ich, ein positiv denkender Mensch zu sein und all das Schöne in meinem Leben zu sehen, welches ich nach wie vor habe, es ist ja nicht alles nur schlecht! Dankbar dafür zu sein und für die glücklichen, gesunden Momente, die wir als Familie erleben dürfen.

Racha: Vom Thema Unglück zum Thema Glück, wie lebt es sich eigentlich als 4-Fach-Mama? Du bist Doppel-Zwillingsmama!

Chris: Es wird nie langweilig. Oft ist es anstrengend, mühsam und kräftezehrend und dennoch einfach das Schönste auf der Welt. Meine Kids bedeuten mir alles. Aber wem erzähle ich das, gell, das sieht wohl jede Mutter genauso!

Racha: Also zusammengefasst bist du Mutter von 2×2 Zwillingen, zwei Mädels (Maja und Fee, 12 und Jungs (Rocco und Elvis, 9), arbeitest 50% und jeden Samstagnachmittag betreust du eine leicht demente Frau. Und eine Putzfrau hast du keine. Wie managst du das? 

Chris: Es funktioniert ganz gut, ich habe sogar noch Zeit für meinen Sport, was mir wichtig ist. Und ehrlich gesagt wäre es für mich schlimm, wenn ich zu viel leere Zeit hätte. Wenn ich Nichts zu tun habe, dann drohe ich, in meine Löcher zu fallen, die Flashbacks und Erinnerungen holen mich ein und ziehen mich runter. Insofern ist dieses beschäftigt-und-eingespannt-sein vielleicht eine Art Flucht nach vorne, aber eine, die mir persönlich guttut. 

Racha: Dein Partner, Ehemann und Vater deiner Kinder ist dein Fels in der Brandung. Wie überlebt eine Beziehung so etwas? Damit meine ich euren Schicksalsschlag, aber auch 2 x Zwillinge?

Chris: Ehrlich gesagt bin ich mir bis heute nicht sicher, ob wir wirklich überlebt haben als Paar…

Racha: Glaubst du an Gott? 

Chris: Nein. 

Racha: Was möchtest du den Mamis in unserer Community weitergeben? 

Chris: No bitching but Supporting, that‘s what Woman should do! Redet offen über eure Probleme, darüber, was euch beschäftigt – aber nicht hinten rum! – und seid für einander da. Ich kann auch nicht alle in meinem Umfeld mögen, aber alle respektieren und leben lassen. Das Leben ist zu kurz für negative Energien. Leider sieht die Realität oft anders aus. Aber das ist ein Thema für sich. Ein anderes Mal… 

Racha: Du hast einen neuen Job, in dem sich deine Geschichte wiederspiegelt, wenn man das so sagen darf?

Chris: Ja ich arbeite nun bei der Ronald McDonald Kinderstiftung in Bern, wo ich Familien in den schwersten Zeiten in deren Leben unterstützen darf. Natürlich reissen auch meine Wunden somit immer wieder auf, aber vielleicht ist es auch einfach eine schöne Art und Weise mein eigenes Schicksal zu verarbeiten und gleichzeitig Gutes tun. Ich glaube ich habe auch ein gutes Verständnis für die Situation und kann durch meine eigene Geschichte gut mitfühlen und somit auch optimal begleiten. Auch wenn der Job traurig sein kann, fühle ich mich da gold richtig.

Die Ronald McDonald Stiftung ist auf Spenden angewiesen und dies kann man, wenn man möchte, hier tun: https://ronaldmcdonald-house.ch/bern-spenden

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