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TRENNUNGSKOLUMNE: IM GESPRÄCH MIT PAAR- UND FAMILIENTHERAPEUT HENRI GUTTMANN

von Racha

«Wo Menschen zusammenleben, kommt es zu Missverständnissen. Unterschiedliche Werte und Haltungen führen in Paarbeziehungen und Familien leicht zu Konflikten, die nicht immer ohne Hilfe von einer Fachperson gelöst werden können,…» schreibt unser ehemalige Paar- und Familientherapeut Henri Guttmann auf seiner Webseite. Gerade weil er mir so viel weitergeben konnte, habe ich ihn für euch interviewt.

Als aller erstes muss ich mich bei euch bedanken. Es war ein ganz besonderes Erlebnis für mich, eure Reaktionen auf meine erste Kolumne zu erleben. Es war der meistgelesene Artikel seit es www.mamalicious.ch gibt. Vielleicht weil das Thema einfach pocht und wichtig ist, vielleicht aber auch einfach weil ihr wunderbaren Mütter, Frauen und Männer mit mir mitfühlt. Danke dass ihr da seid und mich dazu ermutigt, mehr zu schreiben…

Racha: Meines Erachtens sind unterschiedliche Werte der Hauptgrund für frühzeitige Trennungen. Wäre es allenfalls nicht schlecht, wenn man sich das mit den Werten überlegt, bevor man sich für ewig bindet? Man sagt ja, dass zum Beispiel orientalische Ehen länger halten, weil sie nicht wie im Westen auf Anziehung basieren, sondern auf Werten?

Henri: Ja das könnte man so sagen… Gemeinsame Werte sind das, was ein Paar am meisten verbindet und unterschiedliche Werte das, was am meisten trennt. In dieser Hinsicht macht niemand gerne Kompromisse. Man kann ja nicht einem Vegetarier sagen, «komm, mir zuliebe solltest du mal ein Stück Fleisch probieren», als Beispiel… Viele Konflikte entstehen aus unterschiedlichen Werten. Und was die orientalische Ehe angeht, die ja auch teils auf einer «Zweckgemeinschaft» basiert, gar keine so schlechte Idee…

Racha: Nun, wenn es dann aber doch zu spät ist und man keinen Ausweg mehr findet, wie trennt man sich optimalerweise mit Kind/er?

Henri: Eine Trennung ist so oder so schmerzhaft. Wenn man sich auf eine faire und freundschaftliche Art trennen kann, dann sollte man diese Chance ergreifen. Da die Situation so oder so schwierig wird, empfehle ich immer Fachpersonen zu involvieren, die zum Beispiel insbesondere zu Beginn, wo die Emotionen noch auf Hochtouren sind, eine schriftliche Trennungsvereinbarung mit allen wichtigen Modalitäten aufsetzen. Etwas an dem man sich gemeinsam und unabhängig voneinander festhalten kann. Das hat schon sehr vielen Menschen geholfen als Elternschaft eine gute Zukunft aufzugleisen.

Racha: Welche Trennungssituation ist für die Kinder deines Erachtens optimal?

Henri: Egal für welche Variante man sich entscheidet, wichtig ist, dass man eine Lösung findet, wo das Kind einen unbeschwerten Kontakt mit beiden Eltern haben kann und dass das Kind dem jeweiligen Elternteil offen sagen darf, dass es den anderen Elternteil lieb hat, ohne dass man dann beleidigt ist und vor dem Kind entsprechend reagiert.

Racha: Es gibt viele Fälle, wo das Kind den einen Elternteil freiwillig oder unfreiwillig einfach auch nicht mehr so oft sieht. Unser Familienberater, der auch Forscher ist, erwähnte, dass die Erfahrung aus seiner Forschung zeige, dass Qualität viel wichtiger sei als Quantität. Kannst du das so unterschreiben?

Henri: Die Zeit bei dem Elternteil, wo das Kind nicht immer ist, nennt sich automatisch «Quality time». Das ist auch wichtig, aber es ist auch wichtig, dass beide Elternteile den Alltag des Kindes, oder zumindest einen Teil davon mitbekommen und wenn es geht mitbegleiten, weil man sonst einfach einen wichtigen und grossen Entwicklungsteil des Kindes verpasst. Dann läuft auch die Gefahr, dass man pädagogisch gesehen nicht mehr in einer Erziehungsfunktion ist, sondern nur noch eine nette Bezugsperson. Das Kind muss, das die Sicherheit haben, dass beide Eltern an seinem Leben teilhaben und auch Ansprechpartner für deren Sorgen und Problemen sind. Oft trauen sich Kinder dann inmitten der «Quality time» nicht mehr, über ihre Alltagsprobleme zu reden.

Racha: Viele Eltern verzweifeln im Namen des Kindes daran, dass der abwesende Elternteil sich auf einmal nicht mehr um die Kinder kümmert und das Interesse verliert. Sind das berechtigte Ängste oder eher unberechtigte Ängste der Erwachsenen, die im schlimmsten Fall auf das Kind übertragen werden?

Henri Fakt ist, 40% der Väter haben nach fünf Jahren Trennung keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern… Das kann am Verhalten der Mutter liegen, an den Streitereien, die man einfach nicht mehr erträgt, weil es einfach auch zu weh tut und man den Schmerz nicht mehr erträgt… Es gibt verschiedenste Gründe. Drum ist es auch so wichtig, dass man sich externe Hilfe holt, wenn alle Stricke reissen. Wenn man den Kindern einen gefallen tun möchte, dann tut man alles dafür, dass die Elternebene irgendwie zustande kommt und funktioniert, ohne ständig über das Kind zu streiten, das macht das Kind kaputt. Langfristig.

Racha: Du hast über acht Jahre im Jugendamt gearbeitet und so einiges Erlebt. An welche Wünsche, Aussagen und Probleme erinnerst du dich, die die Trennungskinder dir in dieser Zeit zugetragen haben?

Henri: Es ist ganz einfach, die meisten sagen sie können ganz gut mit dem «Arrangement» der Eltern leben, aber es haben auch viele eine tiefe Sehnsucht, dass alles wieder wie früher ist und die Eltern wieder zusammenkommen. Das ist auch ok, das ist das Recht des Kindes dies zu äussern und das ist auch ganz normal.

Racha: Ich bin eine Mutter, die nach der Trennung dafür gekämpft hat, dass das Leben weiter geht. Auch wenn nicht alles so gelaufen ist wie ich es mir gewünscht habe. Mein Sohn wohnt nun seit drei Jahren bei seinem Vater in München, ich sehe ihn jede zweite Woche und die Hälfte der Ferien. Nachdem ich sechs Jahre fast allein für die Erziehung zuständig war (heute sage ich „zuständig sein durfte“), war das ein Schock. Mein Mutterherz musste heilen, heute bin ich glücklich. Darf eine Mutter heute auch ohne ihr Kind an ihrer Seite glücklich sein? So wie 90% der Männer nach der Trennung? Wieso ist das so schwer zu verstehen? Für mich (immer noch jeden Tag aufs Neue) und auch für die Gesellschaft?

Henri: Natürlich fühlt sich das für eine Mutter nur schon aus physiologischen und psychologischen Gründen anders an. Die Mutter war schwanger und hat das Kind auf die Welt gebracht, allenfalls gestillt und eine Mutter-Kind-Beziehung ist tatsächlich nicht mit einer Vater-Kind-Beziehung zu vergleichen. Muss man ja auch nicht. Wichtig ist, dass das Kind kontinuierliche Bezugspersonen in seinem Leben hat. Das ändert sich ja so oder so im besten Falle nicht, egal wer schlussendlich das Aufenthaltsbestimmungsrecht hat. Und einer von beiden muss es ja haben. Männer sind im Übrigen auch nicht so gut im Stillen, wenn es um die ganz Kleinen Kinder geht. Das erklärt sich von alleine aber sobald die Kinder nicht mehr von der Muttermilch abhängig sind, wird es ganz individuell inpunkto «wo das Kind am besten aufgehoben ist». Dies hängt von vielen Faktoren ab.

Racha: Was hast du für einen Wunsch an unsere Gesellschaft nach all den Jahren als Familien- und Paartherapeut?

Henri: Den Grössten Wunsch, den ich an die Gesellschaft habe, ist dass man insbesondere den Mann mehr dabei unterstützt, dass er seine Vaterrolle auch nach der Trennung noch ausüben kann und auch darf. Eine faire Lösung für beide Elternteile und schlussendlich auch für die Kinder, denn diese brauchen wirklich beide, das ist mittlerweile auch aus der Forschung erwiesen. Es braucht beide und das Kind hat ein Recht auf beide Elternteile, so gut wie es geht und die Situation hergibt.

Racha: Als eine der weniger oder immer mehr Mütter, die in einer typischen «männlichen» Situation gelandet ist, kann ich diesen Wunsch nur unterstützen. Es sind unglaubliche Ängste und Situationen, die einem in einer solchen Situation widerfahren. Wir haben als Eltern eine riesen Verantwortung. Auch wenn wir verletzt sind. Aber dafür wird man ja wenn alles gut geht irgendwann einmal erwachsen. Danke Henri, sehr wertvoll dich hier zu diesem Thema an Board zu haben. Auch deine Unterstützung hat mir während dieser schweren Zeit sehr geholfen. Ich kann meinen Leser und Leserinnen nur ans Herz legen, fachliche Unterstützung beizuziehen. Egal für welche Lebenssituation.

An dieser Stelle möchte ich auch gleich noch die Werbetrommel für dich und deine Kollegen, wie zum Beispiel Remo Largo rühren, für den Schweizer Film «WIR ELTERN», in dem du als Kommentator deine Expertise einfliessen lässt. Der Trailer ist auf jeden Fall schon einmal sehr spannend, ich freue mich auf den Film!

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